Wir werden uns wiedersehen.

Meine liebste Flauschkartoffel,

wie fängt man einen Text an, wenn einem die ganze Zeit Tränen runterkullern und alles so eng, so wund, so dunkel ist? Ich vermisse dich jetzt schon so schrecklich.

Gestern war der furchtbare Tag gekommen. Schon Dienstag mussten wir zum Tierarzt, aber Mittwoch Nachmittag ging gar nichts mehr. Und gestern, am Donnerstag, führte uns der erste Weg zu der verhassten Praxis. Wusstest du, was kommen würde? Wusstest du, dass das Foto, das ich von dir machen würde, das letzte sein würde? Wusstest du, dass wir dich im Stich lassen würden? Denn genauso fühlt es sich an.

Ich vermisse dich.

In meinem Kopf schreit es ständig: Gebt ihn mir zurück! Das Mufflon war gar nicht krank. Kann es niemals sein! Und doch hattest du einen Milztumor, so groß wie einen Tennisball. Deine Blase und dein Harnleiter waren voller Steine. Du hattest innere Blutungen. Du musst so starke Schmerzen gehabt haben und warst so, so tapfer. So stark. Selbst der Arzt sagte, dass du ein Kämpfer bist – die erste Sedierung, die wir dir für den Ultraschall gaben, wirkte erst einmal nicht. Du wolltest dich dort nicht hinlegen.

Als wir erfuhren, was du alles hast – zu deiner HD, deiner Arthrose, deiner Spondylose – wussten wir es. Herrchen und ich trafen die Entscheidung für dich, so wie wir es dir versprochen hatten: Wir lassen dich nie wieder leiden. Und das haben wir ja trotzdem – wir haben uns noch fast ein ganzes Jahr Lebenszeit abgeknapst.

Wenn ich an letztes Jahr denke, denke ich natürlich an die schlechten Tage. Aber ich denke auch an die ganzen wunderbaren Momente. Unsere Flitterwochen in Frankreich, dein Strahlen, weil du wusstest, dass es jeden Tag an den Strand geht. Und nicht nur einmal am Tag, sondern quasi jede Runde. Wir sind gemeinsam im Meer geschwommen, haben deinen Hurley gerettet und das Leben genossen.

Du warst der beste Trauzeuge.

Wenn ich dich vor mir sehe, sehe ich dich nicht krank. Ich sehe dich laufend, hüpfend, voller Lebensfreude. Wenn ich aber meine Augen schließe, sehe ich dich dort auf dem Tisch liegen. Alt, schwach und so, so tot.

Alles erinnert mich an dich. Die Dreckspritzer an der Wand, über die ich mich erst geärgert habe – und um die ich jetzt am Liebsten einen Rahmen machen würde. Die Fellbüschel, überall. Dein Körbchen steht hier auch noch, dein Spielzeug liegt herum. Ich habe keine Kraft, das wegzuräumen.

Unsere grosse Reise durch Skandinavien

Danke für diese wunderbare Zeit. Für deinen Sturkopf, deine Eigenheiten, deine Art, die Dinge zu sehen. Du warst der Sheriff, ein Beamter durch und durch und gleichzeitig manchmal so lustig. Ich hätte keinen besseren Freund haben können.

Eine Kerze brennt für dich. Gestern war der Tag. Und eigentlich war es ein Tag, den du gemocht hättest, mein Mufflon. Sonnig, nicht zu warm, nicht zu kalt. Kein Wind. Du wärst mit flatternden Ohren und wackelndem Kopf vorgelaufen – und genau genommen bist du das auch. Du bist voraus gegangen – und ich werde dir folgen. Irgendwann, so wie ich dir immer gefolgt bin.

Wir lieben dich, armer alter Bär. Wir lieben dich so sehr.

09.01.2009 – 05.03.2020
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