Vom Glück, einen unverträglichen Hund zu haben

Vom Glück, einen unverträglichen Hund zu haben

Zugegeben: Keiner wünscht sich das. Niemand geht los mit der Absicht, einen Artgenossen-unverträglichen Hund zu kaufen. Oder?

Das Idealbild eines Hundes ist doch viel eher: Immer lieb, immer freundlich, souverän, geduldig, muckt nicht auf, hält sich im Hintergrund, wenn gespielt wird, darf er ein bisschen wilder sein. Aber bitte nicht zu wild, kein Zerstörer, schon gar kein Kläffer.

Bellen sollte die Ausnahme sein, er sollte kein Fell verlieren. Keine Schwächen haben, alle glücklich machen und schon gar keine Krankheiten oder ein Handicap haben.

Die Liste ist sicherlich nicht vollständig. Fakt ist: Wer so einen Hund sucht, der sollte sich eingehender mit der Auswahl im Spielzeug-Geschäft seines Vertrauens auseinander setzen.

Ein unverträglicher Hund: So sieht er aus.
Ein unverträglicher Hund: So sieht er aus.

Mir war von vornherein klar, dass ich keinen Spielzeug-Hund wollte, sondern ein echtes, lebendes Wesen mit seinen ganzen Schwächen, Macken, liebenswürdigen Eigenheiten. Und trotzdem war ich alles andere als vorbereitet.

Ich habe bereits häufig darüber geschrieben, deswegen möchte ich darauf nun gar nicht mehr genau eingehen. Nur eines, für alle neuen Leser: Moe und Artgenossen, das funktioniert nicht. Gerne könnt ihr hier nachlesen: Mein Hund, die Baustelle.

Mit Moe umgehen lernenWichtiger war für mich rückblickend die Erfahrung, mit den Gegebenheiten und Situationen umgehen zu lernen. Moe ist, wie er ist. Und er hat ein Recht darauf, so zu sein. Er muss nicht in Situationen gebracht werden, die ihm kreuzunangenehm sind, nur weil ich das gerne so möchte – schon gar nicht, wenn es sich dabei um nichts Lebensnotwendiges handelt.

Ja, ein Hund sollte zu einem gewissen Teil gesellschaftsfähig sein und man sollte ihm die Chance geben, Dinge zu erlernen. Denn Hunde können das wunderbar.

Trotzdem kennen wir es ja von uns selber auch: Während der eine die Aufmerksamkeit von anderen genießt, andere Menschen um sich herum braucht und nicht gut alleine sein kann, ist der andere eher ein Einzelgänger, der die Ruhe sucht und dem viele andere Menschen die Energie absaugen.

So geht es mir. Und auch wenn ich es lange nicht wahr haben wollte: Ich denke, Moe geht es genauso. Vielleicht liegt es an der Gewöhnung. Vielleicht ist es aber auch sein Charakter. Viele Hunde, viele Menschen – gar nicht gut. Moe kann anderen Hunden wunderbar aus dem Weg gehen – wenn er die Chance hat.

Wunderschöner Sonnenaufgang
Wunderschöner Sonnenaufgang

Das ist ein ganz großer Lernerfolg und ich bin unheimlich dankbar, dass wir genau an diesem Punkt angekommen sind: Kein Pöbeln an der Leine, ruhiges Vorbei gehen und Ignorieren. Ganz ehrlich: Da brauche ich nicht auf Biegen und Brechen versuchen, Moe zu sozialisieren. Mir reicht es genauso, wie es jetzt ist.

Und weil ich so glücklich darüber bin, dass wir mittlerweile entspannt an fremden Hunden vorbei gehen können, möchte ich gerne einmal darüber berichten, was es für Vorteile haben kann, einen unverträglichen Hund zu haben.

1. Man lernt, seinen Hund zu lesen.

Eine ganz wichtige und elementare Sache, die Moe und mir unheimlich weiter geholfen hat. Die eigentlich ganz leicht ist und doch schwer. Ich habe damit begonnen, Moe sehr genau zu beobachten. Die kleinste Mimik, ein Zucken der Ohren, die vergrößerten Augen: Moe lesen zu lernen, war das Wichtigste, was ich in unserer Mensch-Hund Beziehung für ihn und für mich tun konnte.

Aufmerksam und jagdbereit
Aufmerksam und jagdbereit

Ich weiß, wann es gefährlich wird. Wann Moe im nächsten Moment jagen, bellen, sich aus Unsicherheit über die Schnauze lecken wird. Ich weiß, was er mir sagen möchte, wenn er mich anstupst. Wie er am liebsten liegt, wo er am liebsten liegt und sogar, welches seine bevorzugten Pipi- und Kacka-Stellen sind.

Es ist das eine, neben seinem Hund zu laufen und es ist das andere, ihn dabei zu beobachten. Was er spannend findet. Was nicht.

Ob gerade ein Artgenosse entlang gelaufen ist, wohlmöglich sogar einer, den Moe nicht mag (aufgestellte Nackenhaare beim Schnüffeln). Ob eine läufige Hündin in der Nachbarschaft unterwegs war (gut zu erkennen am Zähneklappern beim Schnüffeln) oder ob es vielleicht eher ein Kaninchen, eine Ratte gewesen ist, die dort ihren Geruch verteilt hat (Ausschau halten, Vorstehhaltung).

So, wie Moe mich versteht, so kann nun auch ich ihn verstehen. Und mich besser, für ihn nachvollziehbarer, verhalten.

2. Die Welt gehört uns.

Wenn man einen unverträglichen Hund hat, hat man diverse Möglichkeiten. Man kann daran arbeiten, versuchen, „das Problem“ in den Griff zu bekommen.

Man kann sich aber auch darauf einstellen, so wie wir es mittlerweile tun. Und das bedeutet, wir gehen Wege, die entweder kaum jemand nutzt, oder aber, wir sind so früh oder spät unterwegs, dass noch keiner wach, bzw. es zu dunkel ist.

Ausblick
Ausblick

Hätte ich keinen Hund, würde ich morgens um 6 sicherlich etwas Besseres zu tun haben, als an den Strand zu gehen. Dank Moe und seines Charakters erlebe ich nun Sonnenaufgänge, die wahnsinnig schön und spektakulär sind. Und auch Sonnenuntergänge.

Moe zeigt mir die Natur zu Zeiten, wo ich normalerweise schlafen würde. Hätte ich also einen unkomplizierten Hund, wäre ich mit anderen Leuten am Strand. Zu einer normalen Zeit. Und würde nie meinen Hund sehen, der von der aufgehenden Sonne angestrahlt wird.

3. Kreativitätsförderung

Böse gesagt, fördert ein unverträglicher Hund auch die eigene Kreativität. In unserer Anfangszeit, als ich merkte, dass irgendwas nicht ganz richtig läuft, überlegte ich mir bereits, wie ich Konfrontationen am Besten aus dem Weg gehen kann. Ich suchte Ausweichmöglichkeiten auf Wegen, um Moe dort absitzen lassen zu können.

Nun, man kann sich vorstellen, dass solche Ausweichmöglichkeiten manchmal begrenzt sind und meine Versuche, uns unsichtbar zu machen, nicht immer von Erfolg gekrönt waren.

Außerdem gehörte ich zu den Hundebesitzern, die ihren Hund nicht einfach laufen lassen können wie andere. Da wird ein paar Mal die Woche auf den städtischen Hundeauslauf gegangen oder an den Hundestrand und dann: Attacke! Andere Hunde umrempeln, zanken, mobben, Spielzeug klauen.

Moe fördert die Kreativität
Moe fördert die Kreativität

Natürlich sind die Hunde danach KO. Kam für uns aber auch deswegen nicht in Frage, weil Moe mit anderen Hunden nicht kann (mal davon abgesehen, dass ich bei solchen Aktionen generell einen Hals bekomme).

Moe muss anders beschäftigt werden, weil er ja nur mich oder das Herrchen hat. Während Herrchen meist für die stumpfe Auslastung zuständig ist (Apportieren), bin ich für den Erhalt der geistigen Gesundheit und der Motorik zuständig. Und das haben wir uns alles erarbeitet.

Moe würde eingehen, würde er diese Ansprache nicht bekommen. Da bin ich sicher. Denn dann wäre Langeweile vorprogrammiert, den ganzen Tag nur Schlafen – ach nö.

Ein Hund ohne Charakter? Wie langweilig.

Natürlich, ich gebe es zu: Ich hätte nichts dagegen, wäre Moe ein bisschen mehr wie die zwei Golden Retriever neulich am Strand. Die perfekt hörten, Stress aus dem Weg gingen und einfach nur unglaublich lieb waren. Aber Moe eintauschen gegen mehr Bequemlichkeit? Niemals.

Ich habe mich entschieden – für Moe.
Ich habe mich entschieden – für Moe.

Ich habe mich entschieden. Und obwohl es nicht immer einfach war und ist, ist es genau richtig so. Ich habe viel gelernt, auch über mich selbst. Ich lerne Orte kennen, die ich sonst wohl nicht gesehen hätte. Und, wie heißt es so schön: Es könnte immer viel, viel schlimmer sein.

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