Verstand vs. Herz: Wer gewinnt in der Hundeerziehung?

Herz vs. Verstand in der Hundeerziehung

Ich dachte, ein Hund mit 8 Jahren ist irgendwann erzogen. Ich dachte, mit 8 Jahren ist der Hund alt. Ich dachte, mit 8 Jahren latscht man gemütlich seiner Wege. Oh, wie konnte ich mich so irren.

Moe und ich gehen nun in eine Hundeschule. Und zwar so richtig. Weg vom Bauchgefühl, hin zu Disziplin, Konsequenz. Weg von beschützenden Mutti-Gefühlen hin zu klaren Ansagen.

Wie konnte das nur passieren? Was hat mich geritten, eine Hundeschule zu besuchen, es nochmal mit einem ausgebildeten Trainer zu versuchen? Die Neugier.

Ich suchte nach Rat. Und irgendwie auch nach Bestätigung. Ersteres bekam ich. Das Zweite irgendwie auch.

Das Herz ruft: „Alles Bestens!“ Der Verstand schreit: „Aber so doch nicht, meine Liebe!“

Herz vs. Verstand in der Hundeerziehung
Herz vs. Verstand in der Hundeerziehung

Moe ist mein Herzenshund. Ihr alle wisst das, ich habe es oft geschrieben. Manchmal bin ich verblendet, was ihn angeht. Vielleicht nicht nur manchmal, sondern sogar immer. Mein Problem ist: Ich denke, ich kann alles nüchtern und von außen betrachten. Aber verdammt, irgendwie klappt das doch nicht so gut.

Moe und ich, wir haben viele Dinge schon ganz alleine gelöst bekommen. Wir können an anderen Hunden vorbei gehen, ohne, dass er sie direkt fressen will. Das war vor einiger Zeit gar nicht möglich, da mussten wir immer in Gebüsche flüchten.

Moe lässt sich sogar immer häufiger beschnüffeln. Ist ruhiger geworden, was Artgenossen angeht. Hat sogar versucht, mit Adgi zu spielen. Erträgt es, wenn andere Hunde unterwegs sind, so lange sie sich vernünftig benehmen.

Mein Hund ist unsicher.“ – So lautete meine Entschuldigung für alles. Schließlich wollte er sich nicht beschnüffeln lassen, wollte anderen Hunden aus dem Weg gehen. Ach ja und damals, da war er so unterwürfig! Andere Rüden bestiegen ihn! Moe hat Analdrüse! Moe hat HD! Eine Runde Mitleid bitte für mich und meinen Hund – der ist unsicher, deswegen ist er so!

Wie mir diese Unsicherheit um die Ohren flog. Aber gewaltig.

Ich fand diese eine Hundeschule bei Facebook. Es gab keine Website. Aber alle schienen sehr nett, sehr kompetent. Ich traute mich, fragte nach einer Einzelstunde. Bekam prompt einen Termin.

Unsere Trainerin ist großartig. Lieb, einfühlsam. Sie nahm sich Zeit. Lernte uns langsam kennen. Vor allem Moe. Aber ließ mich erzählen. Ach, was kam ich mir dumm vor.

Mein Herz sagt mir immer, Moe ist der größte Schatz der Welt. Alle anderen Hunde sind gegen uns. Aber vor allem findet Moe mich ultra klasse.

Das erste, das ich zu hören bekam: Moe ist rotzfrech. So, wie er überall markiert, sich auf dem Boden schubbert – das geht so nicht. Moe ist dominant. Kein Stück unsicher. Er ist der Chef. Eddi Kontrolletti.

Er bestimmt. Die Richtung, mein Leben. Alles. Plötzlich fügte sich das Puzzleteilchen ein.

In letzter Zeit, eigentlich seitdem ich von zu Haus arbeite, nehme ich mich mehr und mehr zurück. Bin vor allem für Moe da, kontrolliere genau. Wie er läuft, was er frisst, was wir tun. Ich war mal entspannt im Umgang. Das bin ich nicht mehr.

Mein Lieblingsbär.
Mein Lieblingsbär.

Ich achte auf so viel, will nicht, dass er Schmerzen hat, ihm langweilig ist, er unbequem liegt, Bauchweh bekommt. Ich will nicht, dass er alt wird.

Ich lasse mich herum schubsen. Von meinem Hund. Das tat weh…

Wer führt wen? Leinenführigkeit für Anarchos.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich halte nichts, absolut nichts von Kadavergehorsam. Man wird es nicht erleben, dass Moe stur 2 Schritte hinter mir läuft, weil er sonst einen auf den Deckel bekommt.

Überhaupt, das mit dem auf den Deckel bekommen. Bevor ich diese Einzelstunde antrat, machte ich in meinem Kopf ein paar „Regeln“ mit mir aus: Ich versprach mir, mich allem zu stellen. Ich versprach mir aber auch, nichts zu tun, womit ich mich nicht wohlfühlen würde. Dazu gehören Leinenruck und irgendwelche körperliche Gewalt. Das geht für mich nicht.

Unsere Trainerin zeigte mir, wie ich mit Moe körpersprachlich arbeiten kann. Ich dachte, ich könnte das bereits. Und ja: Mir fällt es relativ leicht, Moe körperlich zu beschränken – indem ich mich ihm einfach nur in den Weg stelle oder meinen Bereich beanspruche.

Wir müssen an uns arbeiten.
Wir müssen an uns arbeiten.

Aber wie geht das an der Leine? Wir hatten einen ziemlich laxen Umgang, was die Leine angeht. Moe kann eigentlich wunderbar an der Leine laufen – neben mir, kein Thema. Außer, wenn wir in unbekanntem Gebiet unterwegs sind. Oder ein Hase den Weg gekreuzt hat. Oder Dönerreste auf dem Boden liegen. Oder er meint, markieren zu müssen. Oder eine läufige Hündin unterwegs ist.

Ihr merkt schon: Ich habe für alles eine Ausrede, für alles eine Begründung.

Wir lernen jetzt.

Schluss damit. Seit neulich hat die Konsequenz und der Verstand das Herz abgesägt. Zumindest teilweise. Wir haben mehr Regeln. Moe hat Zeiten, an denen er sich an der Leine benehmen soll und anständig laufen muss. Und er hat Zeiten, da hängt die Leine statt nach hinten, eben nach vorne durch. Und dann gibt es noch den Freilauf.

Unsere Trainerin sagt, wir müssen an uns arbeiten. ICH muss an mir arbeiten. Muss mich etwas mehr durchsetzen, Moe Struktur und Führung geben – insoweit, dass er sich auf mich verlassen kann. Das kann er im Moment nur bedingt. Ich regele noch zu wenig.

Moe ist nicht unsicher. Moe ist Chef. Moe lässt es ungern zu, dass ich zu anderen Hunden gehe, weil er findet: Das gehört sich nicht, Frauchen.

In der Zukunft werden wir beide lernen. Moe wird lernen, dass andere Hunde existieren dürfen. Sie dürfen sich mir nähern und ich werde das regeln. Moe wird lernen, dass sein Frauchen endlich mal ein bisschen mehr richtig macht.

Wir schaffen das mit der Erziehung.
Wir schaffen das mit der Erziehung.

Ich werde lernen, in Menschengruppen entspannt zu sein. Werde lernen, Moe besser zu lesen und ihm durch eine bessere Bindung auch mehr Vertrauen schenken zu können. Ich werde lernen, um ihm ein besseres Hundeleben zu geben – ohne Stress. Vor allem werde ich versuchen, mich nicht immer hinter Ausreden zu verstecken.

Moe wird immer mein zauberhaftes Hundeschnuti sein. Mein Lieblingsopi. Aber auch Opis brauchen Konsequenz – und ganz viel Liebe. 😉

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11 Gedanken zu „Verstand vs. Herz: Wer gewinnt in der Hundeerziehung?“

  1. Hallo Nicole,

    das ermutigt mich ja ein bisschen, dass es auch alt eingesessenen Hund-Mensch-Paaren manchmal an Konsequenz in der Erziehung mangelt. Ich lasse mir leider auch viel zu oft von meinem 2-jährigen Golden auf der Nase rumtanzen (und bin genauso gut im Ausreden finden wie du). Solange wir allein unterwegs sind und der Clown neben mir den Chef raushängen lässt, rede ich mir auch immer ein, dass das ja niemanden stört, aber sicher tue ich weder mir noch dem Hund einen Gefallen damit…

    Wir erkennen uns also eindeutig wieder in deinem Beitrag und wünschen dir viel Spaß und Erfolg beim Dranbleiben. Ich bin gespannt, was du noch so berichtest.

    Liebe Grüße vom Berliner Großstadt-Rüpel an den Küsten-Rüpel.
    Angie + Marley




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  2. Hallo Nicole,

    Oh ja… ich kann dich so verstehen. Shiva KANN sich toll benehmen, sie KANN aber auch ein totales kleines Arschloch sein. Ihre Ängstlichkeit und Unsicherheit tritt manchmal deutlich hervor, aber meistens ist sie ziemlich taff und auch frech. Wenn ihr was nicht passt, dann zeigt sie das deutlich. Irgendwie ist das ein ewiges auf und ab. Sobald sie mal ein bisschen Mut gefasst hat, ist sie auch echt cool, aber sie ist und bleibt unberechenbar. Manche findet sie gleich wunderbar und andere schlichtweg doof. Mit ihrer Freundin spielt sie begeistert, andere Hunde würde sie am Liebsten zerfleddern… ein Schema hab ich noch nicht erkannt. *seufz*

    Flauschige Grüße
    Sandra & Shiva „Dog Jekyll & Mrs. Hyde“




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  3. Hallo Nicole,
    Ich lese deinen Blog sehr gern, aber zu diesem Beitrag würde ich gern Mal meine Meinung kundtun. Die Hundeschule scheint ja toll zu sein, wenn sie zu euch passt ist das ja perfekt.
    Allerdings wage ich zu behaupten, dass eine Hundeschule die einen Hund als dominant bezeichnet, auf einem veralteten Stand stehen geblieben ist. Dominanz ist nicht was ein Hund fest besitzt wie seine Fellfarbe. Dominanz beschreibt das Gefüge in einer bestimmten Situation. Kein Hund neigt in jeder Situation zu dominantem Verhalten somit ist diese Beschreibung schlichtweg falsch und wird allzuoft dazu verwendet wenn man jemanden von aversiven Methoden überzeugen will. Ein Hund braucht Grenzen, das ist klar, aber das hat nichts mit Dominanz zu tun. Auch ein Hund der in einer Situation eher unterwürfig reagiert kann Grenzen setzen (Komm mir nicht näher!). Genauso wie Hunde ohne die Einteilung Dominant oder Unterwürfig Grenzen setzen können.
    Von körperlicher Einschränkung mag man dabei halten was man will…
    Lg




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  4. Liebe Nicole,
    dieser Artikel hat mich besonders berührt. Aber er klingt mir noch ein bisschen zu traurig und gehe doch bitte nicht ganz so hart mit Dir ins Gericht.

    Freue Dich, dass Moe auch mit acht Jahren noch flexibel ist und lernen kann. Schalte um Gottes Willen Dein Herz nicht aus, sondern binde es bei dem neuen Training mit ein. Daraus wird etwas Gutes.
    Du hast in den letzten Jahren auch viel richtig gemacht, behalte das bei. Füge einfach ein paar neue Strukturen hinzu.

    Ich erlebe mit Finley, meinem auch nicht so einfachen Rüden, jeden Tag solche Situationen, die mich dazu bringen, mich zu hinterfragen. Und ja, manchmal mimt er den Chef. Hunde sind großartige Manipulatoren, sie lesen uns wie ein offenes Buch. Sie manipulieren uns aber nicht aus mangelndem Respekt oder fehlender Liebe, sondern einfach, weil sie es können.
    Gehe Euren aktuellen Weg mit Neugier auf das Neue und nicht mit Frustration über das Vergangene. Das wird schon…
    Vor allem, bleibe Du selbst. Denn Dein Hund liebt Dich wie Du bist.

    Liebe Grüße, Birgit




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  5. Der Artikel spricht mir aus der Seele! Im ersten Moment wollte ich rufen: Willkommen im Klub. Genauso ist es mir mit Charly ergangen. Ich habe ihn viel zu viel selber regeln lassen. Ihn entscheiden lassen und mich zurückgenommen. Dabei wollte er nur, dass ich endlich der Chef bin. Seitdem ich das kapiert habe, läuft es bei uns viel entspannter. Dafür waren aber 2 Hundetrainerinnen nötig. *schäm*

    Bin gespannt, wie es bei euch weitergeht …

    Liebe Grüße
    Sonja und Charly




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  6. Wenn Du meinst, es läuft nicht gut, dann musst Du es ändern. Irgendetwas hat Dich ja motiviert nach Hundeschulen zu suchen. Dann solltest Du es auch durchziehen.

    Ich bin mir sicher, dass ich auch ganz viel mit Socke falsch mache, sie nicht richtig lesen kann und ihr vielleicht nicht genug Führung gebe. Aber ich fühle mich gut dabei, weil Socke so ein Schatz ist. Bis auf den Wolfshund gibt es keinen Hund, den sie nicht mag. Das gestehe ich ihr zu. Wenn ich nicht zufrieden wäre, mich unwohl fühlen würde, würde ich auch Hilfe holen. Zu der Qualifikation der Trainerin kann ich nichts sagen. Auch da solltest Du auf Dein Gefühl hören und nur machen, was Dir gut tut. Sonst wirst Du es in Deinem Alltag nicht leben können und Moe wird Dich nicht für geeignet halten. Ich hoffe, dass Du öfter mal berichten wirst, wie es so läuft….

    Wir sind sehr gespannt….

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke




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  7. Liebe Nicole,

    ich kann dich sehr gut verstehen. Als ich deinen Beitrag eben gelesen habe, war mein erster Gedanke: Moe lässt sich inzwischen von Artgenossen beschnüffeln. Kalle nicht. Was mache ich falsch?

    Kalle ist für mich vermutlich ebenso wichtig wie Moe für dich. Ich habe beschlossen, dass daran nichts Falsches ist. Und ich glaube daran, dass unsere Hunde uns nicht permanent bewerten. Andernfalls würde ich es vermutlich nicht aushalten.

    Leider weiß ich nicht, was richtig und was falsch ist. Jeder behauptet etwas Anderes, allein schon in den Kommentaren hier. Ich persönlich habe mit körpersprachlicher Kommunikation gute Erfahrungen gemacht. Uns hat das geholfen, Kalle ist entspannter geworden. Obwohl er noch immer keinen Kontakt zulässt.

    Bitte sei nicht zu hart zu dir. Ich glaube, es gibt wenige Menschen, die sich so gut um ihren Hund kümmern und sich so viele Gedanken machen wie du.

    Herzliche Grüße,
    Nora mit Mia und Kalle




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  8. Oh was für ein herzlicher Text, liebe Nicole! Ich erwische mich manchmal auch, dass ich im Umgang mit Loki zu sehr die Muddi raushängen lasse. Er zeigt mir das dann aber immer recht schnell, so dass ich mich selber rechtzeitig wieder fangen kann. Ich wünsche euch viel Erfolg und gute Nerven beim Training 🐶




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  9. Liebe Nicole,
    ich finde es klasse, dass du jetzt noch mal mit Moe den Schritt in eine Hundeschule wagst. Warum auch nicht? Schließlich ist man nie zu alt, ob Frauchen oder Hund, um etwas dazuzulernen. Und ein objektiver Blick von außen ist meistens hilfreich.

    Meistens schreibe ich deshalb, weil ich mit Cabo, als er noch jung war, leider in die falschen Hände geraten bin. Leider habe ich das erst nach 2,5 Jahren bemerkt und musste danach lange Schadensbegrenzung leisten. Doch ich hatte unheimliches Glück auf diesem Weg, in meinen Augen fähige Hundetrainer, zu treffen. Bei der ersten habe ich einen Wochenend-Workshop zum Thema „Wir lernen Hündisch“ in Belgien gemacht. Nach diesem fing ich erstmals an, meinen Hund zu verstehen. Bei der zweiten belegte ich einen Tages-Workshop zum Thema „Dressage“, bei dem ich lernte, dass mein Hund sehr wohl gut sozialisiert ist und nicht der Arsch war, für den er früher immer gehalten wurde. Beim dritten Trainer belegte ich gleich zwei Seminare: „Körpersprachliches Longieren“ und „Das Leben mit einem Smaltalker“. Beide waren für mich das Tüpfelchen auf dem „i“. Was ich sagen will: Ja, man darf sein Tun, seine Erziehung hinterfragen und neu anfangen. Das tut manchmal weh, aber es lohnt sich.

    VG Silvana




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  10. Du hattest ja erzählt, dass du ganz gespannt auf die Hundeschule bist und ich bin froh, dass es dir gefählt.

    Es tut weh, einen Spiegel vorgehalten zu bekommen aber es tut auch gut, wenn man beginnt es zu verstehen.

    Wenn ihr jemanden zum üben braucht, dann Pfötchen hoch 😉

    Liebe Grüße

    Anika und Adgi




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  11. Liebe Nicole,
    ich finde es einen guten Schritt, dass du noch mal mit Moe den in die Hundeschule gehst. Man ist ja nie alt genug, um etwas zu lernen.
    Bin gespannt wie es weiter geht.




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