Selbstzweifel.

Selbstzweifel

Ich hinterfrage ständig, was ich tue. An sich wäre das nicht schlimm, wenn, ja wenn ich nicht einen Vierbeiner an meiner Seite hätte, der sich wahrscheinlich etwas anderes wünschen würde.

Hunde brauchen Stabilität. Grenzen. Regeln. Hunde brauchen ein Grundgerüst, in dem sich nichts verändert. Bei Moe merke ich das jeden Tag. Er hat seinen festen Essenzeiten, seine festen Ruhe- und Gassizeiten. Zeitweise hatte er seine festen Spielzeiten. Auch sonst: Hü und Hott in einer Mensch-Hund Beziehung – das funktioniert nicht gut.

Trotzdem passiert es. Immer und immer wieder. Weil ich ständig überlege, was ich anders, besser machen kann. Was ich optimieren kann in unserem Zusammenleben, damit es Moe besser geht. Selbstzweifel sind ständige Begleiter, erst Recht, seitdem ich Verantwortung für Moe übernommen habe.

Für Moe sind meine Selbstzweifel alles andere als hilfreich. Er merkt, dass ich unsicher bin in Situationen, in denen er eigentlich jemand Souveränes an seiner Seite braucht.

Das ist natürlich nicht nur eine winzigkleine Kleinigkeit in unserer Mensch-Hund Beziehung, die sich eingeschlichen hat. Nein, es ist ein größeres Problem. Nicht nur, dass ich ganz erfolgreich meinen Master in „Wie macht man sich selber immer kleiner als man ist“ gemacht habe, so habe ich auch meinen Doktor in der Selbstanalyse: „Mache ich das richtig?“ „Was ist eigentlich, wenn…?“.

Es ist nicht so, dass ich ein unsicherer Mensch bin. Ich würde auch meinen, dass ich mich notfalls anderen gegenüber behaupten könnte. Nur mir selber gegenüber, da kann ich das nicht. Da ist immer diese Stimme, die sagt: „Moe fühlt sich nicht wohl. Hast du nicht bemerkt, wie er gerade geschaut hat?“ oder „Wir haben alles falsch gemacht. Moe kann einfach nicht mit Artgenossen umgehen.“.

Wenn meine persönlichen Gedanken, die ich in meinem Kopf habe und die wie Zuckerwatte immer wieder herum fliegen, dann noch von Außenstehenden (vielleicht auch unbewusst) bestätigt werden – ja, dann ist es vorbei mit der Selbstbeherrschung.

Ich habe in deinem Blog gesehen, dass dein Hund nie mit anderen zu sehen ist! Was ist denn da schief gelaufen?“ Solche, vielleicht unbedachten Sätze, die hauen rein. Voll in die Magengrube und noch tiefer. Ja, was ist denn schief gelaufen? Wir, ich.

Und so versuche ich mich zu ändern. Uns zu ändern. Auf Krampf. Was schon zu sehr unschönen Situationen geführt hat. Nehmen wir beispielsweise unserer Futter-Odyssee.

Nichts war gut genug. Egal, wie gut es Moe vertragen hat, es war immer diese Stimme im Kopf, die sagte: „Also, das geht aber mit Sicherheit besser!“ Auch jetzt, wo ich Moe frisch füttere, denke ich so oft an den nächsten Bluttest, daran, ob ich das wirklich richtig mache mit dem Futter – oder ob ich ihn gerade zielgerichtet um ein paar Lebensjahre beraube.

Oder der Gedanke, ich würde Moe nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Was habe ich ihm nicht alles gekauft, mit was ihn nicht alles belohnt, nur um mein eigenes, schlechtes Gewissen zu beruhigen! Und damit nicht genug. Am Wochenende habe ich alles stehen und liegen gelassen, nichts war wichtiger, als Zeit mit Moe zu verbringen.

Davon kann ich mich immer noch nicht ganz lösen, denn obwohl ich jetzt von zu Hause aus arbeite, heißt das nicht, dass wir unbedingt aktiv mehr Zeit miteinander verbringen. Und so fange ich an, zu überlegen. Was ich besser machen könnte. Wie ich unsere gemeinsame Zeit sinnvoller nutzen könnte. Wo ich sonst noch Zeit freischaufeln könnte.

Es gibt immer etwas zu optimieren. Und ich werde wohl nie aufhören, mich zu hinterfragen – was an sich sicherlich nichts Schlimmes ist. Was mich tatsächlich auffrisst, sind die negativen Gedanken in meinem Kopf, die mir vorhalten, warum ich nicht früher nachgedacht habe. Warum ich nicht eher etwas geändert habe und ob ich denn so dumm bin, nicht zu merken, wie schlecht es lief.

Moe hat mittlerweile so viel bei mir durch, dass ich ernsthaft glaube: Jeder andere Hund wäre längst durch gedreht. Ehrlich: Wenn Moe ein Mensch wäre, er hätte die Koffer gepackt und wäre ausgezogen. Die ganzen Fehler, die ich gemacht habe, die Fehler, die ich tagtäglich immer noch mache und hinter die ich noch gar nicht gekommen bin – ich weiß nicht, woher seine Loyalität kommt.

Aber ich bin ihm dankbar, dass er mich noch nicht aufgegeben hat. Ja, ich bin Moe dankbar. Denn so, wie er mich erträgt, so würde das wohl kein anderer tun.

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