Hund einschläfern – Wie weiß man, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist?

Hund einschläfern Zeitpunkt

Er schaut mich an, mit müden Augen. Schwach ist er. Ich sehe keine Lebensfreude. Da, wo vorher ein Lächeln um die Lefzen spielte, nur noch Traurigkeit. Seit Tagen hat er keinen Hunger mehr.

Egal ob Hähnchen, Leberwurst oder seine Lieblingskekse: Alles bleibt unangetastet liegen. Für sein Spieli hat er keinen Blick übrig. Er ist müde, so verdammt müde.

Durch das wenige Trinken und das Nicht-Fressen ist sein Körper eingefallen. Er hat Schmerzen, wenn er sich hinlegt. Seine Beinchen knicken unter ihm weg. Der Schwanz hängt traurig herunter. Sein ganzer Körper ruft: Hilf mir doch!

Ich weine. Jedes Mal, wenn ich ihn ansehe. Meine Gedanken kreisen, wie wir ihm helfen können. Ob wir ihm helfen können. Oder ob es nur den einen Ausweg gibt.

Der Tierarzt hat uns 2 Optionen gelassen. Wir entscheiden uns für die dritte Option: Noch abwarten. Auch, wenn das bedeutet, Moes Anblick noch einen weiteren Tag zu ertragen – immer mit der winzigen Hoffnung, dass es ihm wieder besser gehen wird.

Zwei Mal haben wir die Entscheidung getroffen, Moe einschläfern zu lassen. Zwei Mal haben wir es doch nicht getan.

Der April 2019 war die schlimmste Zeit in diesem Jahr. Es war die Zeit, wo wir nicht mehr wussten, wo oben und unten ist. Monate vorher war ich so rational, was Moes Ableben in ferner, ferner Zukunft betreffen würde und nun – nun wusste ich gar nichts mehr.

Mein rationales Ich.

In meiner Vorstellung war der Gedanke, wann Moe eingeschläfert werden müsste, ganz klar. Wenn es ihm nicht mehr gut geht und er mir eindeutig zeigt, dass er nicht mehr kämpfen will, dann ist es Zeit. Dann würden wir uns verabschieden.

Wir würden zum Tierarzt fahren oder ihn kommen lassen (Idealfall), wir würden es ganz in Ruhe machen und Moe würde friedlich in meinen Armen einschlafen. Ich würde beim Rosengarten anrufen und Moe entweder abholen lassen oder persönlich vorbei bringen.

Seine Asche würde ich haben wollen und an der Ostsee verstreuen – an unserem Lieblingsort, an unserem gemeinsamen Zuhause für so viele Jahre. Ich wäre traurig, aber dankbar, dass wir so eine schöne, gemeinsame Zeit hatten.

Hund einschläfern Zeitpunkt
Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Mein tatsächliches Ich.

Rotz und Wasser weinend lag ich da, neben Moe. Alles an ihm war nass geheult und mein rationaler Verstand ausgeschaltet. Sollten wir oder sollten wir nicht? Alle Anzeichen waren da. Moe war so fertig, hatte keinen Lebenswillen mehr. Wollte nicht mehr kämpfen. Draußen legte er sich einfach hin und ich musste bitten und betteln, damit er wieder aufsteht. Ihm helfen.

Ist das dieses „Nicht mehr Können/Wollen“, wenn man einen Hund einschläfert? Wenn er nicht mehr selbstständig frisst? Nicht mehr selbstständig pinkelt? Nicht mehr freiwillig aufsteht? Wenn es keine reelle Chance auf Besserung durch Medikamente oder Therapien gibt? Soll man dann noch abwarten?

Und falls ja: Wie lange? Wer sagt einem, wann der richtige Zeitpunkt da ist und gibt es diesen überhaupt?

Was ist, wenn ich meinen geliebten Hund umbringen lasse, obwohl die Symptome vielleicht nur eine Momentaufnahme sind (wohlgemerkt in unserem Fall: Ein Zeitraum über mehrere Wochen)?

Das Herrchen und ich wurden selbst krank. Kopf- und Gliederschmerzen. Fieber. Übelkeit. Wir ließen die Arbeit Arbeit sein und verkrochen uns ins Bett – alle 3 ins Hochbett im Wohnmobil. So konnte das nicht weiter gehen.

Wir haben Moe nicht einschläfern lassen.

Alle Zeichen zeigten deutlich auf „Hund erlösen“ – und wir taten es dennoch nicht. Ein paar Wochen später hat sich gezeigt, dass es wirklich die falsche Entscheidung gewesen wäre.

Natürlich hätten wir das zu dem Zeitpunkt nicht gewusst und auch rückwirkend niemals erfahren. Wir hätten Moe gehen lassen – und irgendwann hätten wir uns wohl mit dem Gedanken getröstet das es besser so gewesen ist. Aber das wäre so falsch gewesen.

Warum haben wir uns eigentlich 2 Mal umentschieden? Beim ersten Mal war es die Hoffnung auf ein Medikament, das wir ausprobierten.

Beim zweiten Mal waren wir sehr sicher, dass Moe vielleicht nicht einmal die Nacht überstehen würde, so schwach war er. Vielleicht war es auch ein winziges bisschen der Wunsch, dass uns Moe die Entscheidung einfach abnehmen würde. Aber: Moe überstand die Nacht. Und fraß am nächsten Tag 3 Stückchen Hühnchen.

Wir fuhren zum Tierarzt, er bekam Schmerzmittel und wir setzten das andere Medikament ab. Ab da ging es wieder bergauf.

Bis heute wissen wir nicht genau, was Moe hat. Es gibt Vermutungen, aber keine Diagnose – dafür müsste Moe ein CT über sich ergehen lassen. Die wahrscheinlichste Theorie nach dem Ausschlussverfahren: Es ist nervlich bedingt und eine OP ist keine Option, da man dort nichts tun könnte.

Seit dieser Geschichte hatte Moe zum Glück keine Probleme mehr. Er hat wieder ein orthopädisches Körbchen und das geregelte Leben in einer Wohnung scheint ihm sehr gut zu tun. Ich hoffe so sehr, dass es so bleibt.

Hund einschläfern Zeitpunkt
Ein Lehrstück in Sachen Demut.

Ein Lehrstück in Sachen Demut.

Für die Zukunft ist unser Erlebnis und die zweimal fast getroffene, endgültige, Entscheidung nun nur umso furchtbarer und gleichzeitig ein perfektes Lehrstück. Wir Menschen maßen uns an, so viele Dinge zu wissen, so viel entscheiden zu können, so viel Macht zu haben. Und dabei wissen wir nichts.

Mir wird übel, wenn ich daran denke, dass wir Moe beinahe nicht mehr bei uns hätten. Es wäre UNSERE Entscheidung gewesen, die die Tierärzte natürlich unterstützt hätten – sie haben bei Moe auch definitiv keine Besserung gesehen in den ersten Wochen – aber wir tragen die Verantwortung für diese Entscheidung.

Wenn ich Moe nun durch das Gras hüpfen sehe, wenn er sich an mich kuschelt, wenn er seinen Napf leer futtert und Nachschlag verlangt, – dann mache ich mir Vorwürfe. Wie konnte ich auch nur in Betracht ziehen, dass dieser Hund kampflos aufgeben würde?

Wir haben zwar um ihn gekämpft, einerseits. Aber – oh Himmel, was waren wir schwach. Dieser arme Hund musste nicht nur seine Krankheit, sondern auch noch unsere Traurigkeit ertragen. Wo war da dieser rationale Mensch?

Ich möchte in Zukunft nicht noch ein einziges Mal darüber nachdenken müssen, ob Moe gehen muss. Ich wünsche mir, dass er sich zwischen uns kuschelt – und für immer einschläft. Gleichzeitig weiß ich, dass das eine sehr romantische Vorstellung ist und so wohl nicht passieren wird. Wir werden uns wohl wieder, früher oder später, Gedanken machen müssen.

Ich werde aber nie wieder einfach annehmen, dass es die richtige Entscheidung ist, Moe zu erlösen. Eine Entscheidung für den Tod kann niemals die richtige Entscheidung sein.

Diese Verantwortung, die wir Hundemenschen in dieser Situation tragen, ist die schlimmste Last, die es gibt. Und ich weiß nicht, ob man mit seiner Entscheidung jemals seinen Frieden machen kann. Ob ich meinen Frieden mit mir machen kann.

Den Gedanken: „Beinahe hätte Moe das alles nicht mehr erlebt – wegen dir“ – es lässt sich schwer ablegen. Und dennoch werden wir damit leben müssen, das Herrchen und ich. Mit dem Wissen, dass wir nie wieder so rational wie früher darüber sprechen können werden.

Wir können und werden nicht wissen, wann es Zeit ist, Lebewohl zu sagen. Und dennoch hoffe ich so sehr, dass uns noch ein paar gute Jahre bleiben. Keine Zeit ist lang genug für ein Hundeleben, es ist immer zu kurz. Und dieses Loch, dass du, mein allerliebster Bollerkopf, hinterlassen wirst, wird sich nicht mehr füllen lassen.

Hund einschläfern Zeitpunkt
Noch nicht heute.

Ich habe lange überlegt, ob ich meine Gedanken, unser Erlebtes, überhaupt öffentlich machen soll. Ich habe mich dafür entschieden – weil der Tod und auch die Entscheidung darüber, ob der Vierbeiner eingeschläfert werden muss, jeden Hundebesitzer treffen können. 

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