Gleichberechtigung in der Mensch-Hund Beziehung

Gleichberechtigung Mensch und Hund
Gleichberechtigung Mensch und Hund

„Mein Hund hat zu Folgen. Er soll gehorchen, wenn ich ihn rufe. Er soll bei mir bleiben. Er soll dies nicht machen und jenes nicht tun. Aber dafür sollte er…“

Das kennt ihr sicherlich so oder so ähnlich. Ein Hund braucht Regeln, ein Hund braucht Grenzen. Ein Hund muss wissen, wo sein Platz ist – und dafür muss er wissen, was erlaubt ist und was nicht. So liest man es in diversen Hundebüchern.

Auch Moe hat Regeln. Regeln, die das Zusammenleben (für uns Menschen) erleichtern. Es ist nicht so, dass ich Moe mit meinen Regeln erdrücken will – es soll ihm Stabilität und Sicherheit geben.

Aber: Was wäre eigentlich, wenn man einem Hund mal mehr Freiraum zugestehen würde als sonst? Was wäre, wenn der Hund ein paar Dinge mehr „dürfte“ – würde dann gleich die Anarchie ausbrechen?

Ist Moe mit mehr Freiraum ein böser Hund?
Ist Moe mit mehr Freiraum ein böser Hund?

Eigentlich war es schon lange an der Zeit. Ich wollte euch schon lange berichten, wie wir Moe Stück für Stück wieder ein bisschen „ihn selbst sein lassen“. Ohne Regeln. Also, warum jetzt? Natürlich ist wieder eine Bloggerkollegin Schuld.

Stephanie von The Pell-Mell Pack hat uns in dem Artikel „Canis Autonomus – Du kannst das“ daran teilhaben lassen, wie ihr Erziehungsstil sich gewandelt hat, wie Enki aktuell geführt wird. Und das ist unheimlich spannend, alles andere als das, was man sonst in Büchern zu lesen bekommt, denn Enki darf sich ausprobieren – so lange er damit keinen nervt oder belästigt. Dass das in der ersten Zeit auch dem Menschen eine Menge abverlangt, könnt ihr dort gut nachlesen, aber eben auch, welche Erfolge sich einstellen (können).

Moe ist (fast) gleichberechtigt.

Eine Zeitlang war ich hin und hergerissen, quasi wie ein Blatt im Wind: Ich wusste nicht so richtig, was ich wirklich wollte. Wollte ich den absoluten Gehorsam von Moe? Oder wollte ich, dass er möglichst selbstständig ist, selber entscheidet? Nee. Irgendwie wollte ich beides nicht. Aber was wollte ich denn von ihm?

Moe ist (fast) gleichberechtigt.
Moe ist (fast) gleichberechtigt.

Mir hat es geholfen, meine Ziele für unsere Beziehung festzustecken. Ich wollte, dass Moe sich auf mich und meine Entscheidungen verlassen kann. Klar kommunizieren. Ich wollte, dass er selbstbewusst ist, ohne dabei aggressiv zu sein. Ich wollte, dass Moe weiß: Wir entscheiden miteinander.

Ich halte nichts davon, Moe Futter vorzuenthalten, wenn es Abend ist und er mich an seine Fütterungszeit erinnert. Hunger ist Hunger, und wenn Moe mich darauf hinweist, jetzt bitteschön in die Küche zu kommen – dann mache ich das. Oh ja, ich kann förmlich sehen, wie manche von euch sich jetzt an den Kopf packen.

Aber mal ehrlich: Was ist so schlimm daran? Es geht nicht darum, dass Moe permanent bettelt – denn das tut er dadurch nicht. Aber er erinnert mich freundlich daran, jetzt seinen Napf zu füllen (das männliche Zweibein macht das so ähnlich übrigens auch, ohne das ich dadurch einen Machtverlust hätte. 😉 ).

Wir haben viele dieser Situationen, in denen Moe mir klar macht, was er möchte und er danach auch ganz einfach seinen Willen bekommt. Oder Moe einfach macht und er machen darf.

Längst nicht so häufig ist das in neuen Situationen. Dort versichert er sich immer mal wieder, ob das denn in Ordnung ist, was er da tut. Das liegt ganz offensichtlich daran, dass er damals immer für alles Anweisungen erteilt bekommen hat – und dann kurz verwirrt ist, wenn er diese nicht mehr bekommt. Aber wir arbeiten daran – unter anderem auf unseren Spaziergängen.

Geh deinen Weg – ich komme mit.

Ein sehr spannender Ansatz ist, den Hund bestimmen zu lassen, wohin der Weg auf einem Spaziergang führt.

„Wer seinen eigenen Weg geht, dem wachsen Flügel.“

Es war schwer. Moe war es nicht gewohnt. Wie, ich soll jetzt bestimmen? Er schaute mich lange an – und setzte sich dann auf seinen Hintern. Nee, mein Freund, so haben wir nicht gewettet. Ein kurzer Moment des Nachdenkens, Geduldig seins, Wartens. Und plötzlich tippelte Moe los, langsam, immer zu mir schauend. So? Mache ich das richtig?

Der erste Weg war die Morgenrunde. Ab in den Park – nee, nicht wie gedacht, an den Strand oder mal eine neue Runde gehen. Erst einmal das Altbewährte testen. Allerdings im wechselndem Tempo, mal flott unterwegs, mal langsam. Im Naturerlebnisraum angekommen, wusste Moe wieder nicht weiter. Gleiches Spiel von vorne, hinsetzen, anschauen. Warten. Weitergehen.

Moe führte mich unter einen Apfelbaum. Dort schnupperte er sehr lange. Ich weiß ehrlich nicht, wann Moe sich das letzte Mal so ausgiebig mit Schnüffeln beschäftigt hat – denn normalerweise unterbreche ich ihn irgendwann. Mensch will ja weiter. Dieses Mal nicht. Es ging links um den Baum, wieder zurück, immer mit der Nase am Boden. Bestimmt 3 Minuten. Für einen Menschen an der Leine eine extrem lange Zeit. Ich denke, Moe war begeistert. Endlich einmal Zeit!

Mal eine kurze Pause zwischendurch
Mal eine kurze Pause zwischendurch

Es ging weiter. Sehr schnell, plötzlich. An einer Straße musste ich Moe kurz bremsen, er schaute mich an, als wollte er sagen: „Ups, hab‘ vergessen, dass ich hier warten muss!“ Danach ging es direkt weiter. Moe folgte einer Spur. Und ganz plötzlich konnte ich mich einfühlen. Was hatte er wohl entdeckt? Was war so wichtig, dass wir hier fast joggend einer Spur hinterher liefen? Gute 7-10 Minuten ging das so. Ich war am Keuchen, am Schwitzen. Das ist definitiv nicht mein normales Gassi-Tempo!

Wir fanden das Ende der Spur. Eine Katze. Mitten im Gewerbegebiet. Superklasse!

Kurzzeitig übernahm ich wieder die Führung. Einer Katze wollte ich nicht weiter hinter her. Zurück zum Weg, ab da durfte Moe wieder das Kommando übernehmen. Wir gingen weiter, kamen an einer Sporthalle vorbei, die wohl auch sehr spannend roch, weiter, durch das nächste Dorf. Ab da merkte ich: Moe weiß nicht mehr weiter. Er schaute mich bei jeder Straßenüberquerung, Kreuzung an, er wurde immer langsamer. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Als wir den Weg zurück einschlugen, ging Moe wieder in meinem Tempo. Neben mir, wie sonst auch.

„Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause.“

Nein, solche Spaziergänge sind nichts für jeden Tag. Dafür erfordern sie, zumindest bei uns, zu viel Zeit. Aber: Es ist wichtig für uns, diese Spaziergänge genau so beizubehalten. Immer wieder Moe am Gartentor aufzufordern, uns den Weg zu zeigen.

Moe hat mittlerweile richtig Spaß an diesen Spaziergängen. Er ist danach komplett müde, denn Entscheidungen fordern Kraft. Moe ist wie ein anderer Hund, wenn er allein entscheiden darf. Er ist selbstbewusster, aufrechter, ihm ist es egal, wenn andere Hunde an uns vorbei gehen. Als wäre er stolz auf sich. „Seht her, ich habe heute den Bestimmer-Hut auf!“

Autoritätsverlust vs. gesteigertes Selbstbewusstsein

Was ich aus diesen Spaziergängen mitnehme, ist ein Gefühl für Moes Charakter und seine Stärken, aber auch Schwächen. Ich lerne ihn ganz anders kennen, weil ich ihm die Chance gebe, sich auch mal anders zu verhalten! Natürlich muss ich dabei immer wach und aktiv dabei sein, denn trotzdem habe ich die Verantwortung. So wie zum Beispiel an der Straße: Moe führen zu lassen, heißt nicht, den Kopf auszuschalten.

Hört Moe damit im Alltäglichen schlechter? Setzt er öfter seinen Kopf durch, wird er dominant? Ganz klar: Nein. Moe wird durch diese Spaziergänge nicht die Weltherrschaft an sich reißen und die Anarchie ausrufen. Warum sollte er das auch? Würde diese Theorie tatsächlich gelten, hätten wir schon längst einen total verzogenen Hund zu Hause.

Mein kleiner Anarcho.
Mein kleiner Anarcho.

Im Gegenteil: Die Bindung zum Hund stärkt sich. Das Bewusstsein für dieses Tier, für sein ganzes Wesen. Und Moe lernt nach und nach, sich mehr zuzutrauen. Das hört sich vielleicht sehr merkwürdig an, aber ich kann nur empfehlen, es mal selber auszuprobieren und sich darauf einzulassen.

Wir jedenfalls sind froh, diese Art des Umgangs gefunden zu haben. Seitdem machen wir solche Spaziergänge regelmäßig – wenn die Zeit es zulässt. Denn man kann nie sagen, wie weit der Weg uns führt und wohin die Reise geht.

Aber: Wir gehen den Weg gemeinsam.

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