Ein Hund und seine Freunde

Ein Hund und seine Freunde

Artgenossen. Für die einen ein super Thema, ein Anlass, über die vielen vierbeinigen Freunde zu sprechen. Für uns nicht. In den meisten Fällen stehe ich darüber.

Ich bin sehr gut darin, mir Dinge einzureden. Dinge zu akzeptieren, so wie sie sind, fällt mir meistens auch leicht. Trotzdem: Das Gedankenkarussell wird immer wieder durch gewisse Situationen in Gang gesetzt.

Moe und Jette
Moe und Jette

Neulich las ich den Artikel von Anna. Er handelte von einem einstmals verträglichen Hund, ihrem Lemmy. Ein Hund, der Artgenossen erst einmal gut fand. Bis er angefallen wurde. Einmal, zweimal, dreimal. Lemmy wählt nun sehr genau aus. Sie arbeiten daran. Sie haben etwas, was wir nicht haben: Einen Auslöser, nein, sogar drei.

Der Artikel von Anna beschäftigt mich bis heute. Er löst so vieles aus, alles, was ich dachte, erfolgreich weggelegt zu haben. Trauer, Wut, Enttäuschung. Es überwiegt die Traurigkeit, vor allem wenn ich mir alte Fotos ansehe. Manchmal denke ich dann: Das ist nicht der gleiche Hund.

Denn: Wir haben eigentlich keinen richtigen Auslöser. Es ist die Summe aus vielen, vielen kleinen Situationen. Belastend waren sie in dem Moment nicht, als sie passierten – zumindest nicht für mich. Moe und die anderen Hunde sind immer ohne Bisse (bis auf eine Ausnahme), meist ohne Schrammen, davon gekommen. Belastend ist die Situation am Ende. Also jetzt.

Wir sind an einer Endstation angekommen. Moe will keinen Kontakt. Jeder Versuch scheitert. Egal, ob Hündin, Rüde, Welpe: Wer zu nah ran kommt, hat selber schuld. Vor der Kastration roch Moe attraktiv. Er gehörte zu den unterwürfigen Rüden. Zumindest im ersten Moment. Schnell lernte er: Wer nach vorne geht, gewinnt.

Und wer nach vorne geht, bei dem dockt hinten kein anderer Rüde an. Moe wollte schon immer seinen Radius von 2 Metern, in dem er nicht belästigt wird. Es sei denn, der andere war ihm sympathisch. Häufig wurde dieser Radius aber von Hunden überschritten, die ihm nicht wohl gesonnen waren. Und jetzt, nach der Kastration, sind wir an dieser Endstation.

Moe hatte Freunde...
Moe hatte Freunde…

Ich erinnere mich gut: Es war nicht immer so. Moe hatte sogar mal Freunde.

Moe und seine Gang: Ich will doch nur spielen.

Moe hatte Freunde. Paula, die kleine Französische Bulldogge. Freya, die große Boxerhündin, die Moe so K.O. gelaufen hat, wie ich es nie wieder gesehen habe. Die beiden konnten gemeinsam rennen!!! Vor Sam, dem großen Rottweiler, hatte er einen Heidenrespekt. Aber wir konnten gemeinsam ein Stück gehen. Sam war nie laut. Sam hat sich einmal aufgerichtet, Moe wusste Bescheid.

Und dann war da noch Cassy. Süße, alte Cassy. Gemotzt hat die alte Dame. An manchen Tagen, wenn es zu kalt war, wollte sie nicht mal mehr vor die Tür. Aber wenn wir sie getroffen haben, sind wir immer ein Stück gemeinsam gegangen.

Sogar mit Muffin hat sich Moe eine Zeitlang gut verstanden. Ein Rüde! Und nicht zu vergessen, Acai. Acai, wenn ich an sie denke, bricht mir immer noch das Herz. 7 Jahre waren eine viel zu kurze Zeit. Acai, die Einzige, die fast alles durfte.

Und die anderen Pflegehunde. Balou. Jette. Sie alle waren kein Problem mit Moe. Tola, die Hündin von Dennis Mutter – mit ihr kann Moe bis heute alleine bleiben. Aber sie ist die absolute Ausnahme. Tola ist der Boss. Immer. Egal, ob sie bei uns ist oder wir bei ihr: Moe wusste von Anfang an, wer die Hosen anhat und hat das nicht in Frage gestellt.

Die Zeiten haben sich geändert.

Wenn ich an die Zeiten denke, als wir noch relativ bedenkenlos Moe mit anderen laufen lassen konnten oder sogar Pflegis über das Wochenende zu Besuch haben konnten – ja, ich bin traurig. Mich schmerzt es. Und gleichzeitig denke ich mir: Moe ist doch selber schuld! Ganz offensichtlich will er diesen Kontakt gar nicht!

Ja. Das ist mein Hund.
Ja. Das ist mein Hund.

Aber wisst ihr, was wirklich das Problem ist: Kopf und Bauch sagen, Moe braucht das nicht. Das zeigt die Erfahrung mit sämtlichen Hunden in der Vergangenheit. Das Herz sagt aber: Das kann nicht sein.

Deswegen: Ich will Absolution. Von meinem Hund. Ich möchte, dass Moe mir sagt: Frauchen, mach dir keine Gedanken. Du und Herrchen, ihr seid mir genug und ihr seid auch nicht schuld an der Situation. Ich brauche keine anderen Hunde um mich herum. Ganz sicher!

Heute nicht denkbar: Moe mit 2 (!!!) anderen Hunden
Heute nicht denkbar: Moe mit 2 (!!!) anderen Hunden

Ich werde diese Absolution nicht bekommen. Ich werde mich immer damit herum schlagen müssen, nicht zu wissen, ob unser Weg wirklich der Richtige ist, ob wir das Richtige tun. Moe nicht weiter zu konfrontieren. Bögen zu schlagen, um Moe den Platz zu anderen Hunden zu ermöglichen.

Und wenn es zur Konfrontation kommt, Moe wieder austeilt, sich selber zu beruhigen, sich selber immer wieder zu sagen: Es ist nicht schlimm, es ist nichts passiert. Der andere war nicht angeleint, ist in Moe hinein gelaufen. Was hätte er denn tun sollen?

Friends are like balloons - if you stab them they die
Friends are like balloons – if you stab them they die

Ist unser Weg richtig?

Ich kann nur hoffen, dass es der richtige Weg ist. Mit jedem Grummeln in Richtung anderen Hund bestätigt sich das. Mit jedem Versuch, Moe wenigstens nebeneinander mit anderen laufen zu lassen, ohne, dass er sie auffrisst, nur um bestätigt zu sehen, dass er es doch versucht, bestätigt sich das.

Moe will es einfach nicht. Wahrscheinlich könnte ich ihm 100 unterschiedliche Hunde präsentieren und doch wäre keiner dabei, der seinen Geschmack trifft. Der andere darf nicht unterwürfig sein, sonst macht Moe ihn platt. Ist er ein Draufgänger, wird er auch platt gemacht. Ich habe keine Ahnung, was in diesem Bollerkopf vorgeht. Manchmal möchte ich ihn einfach nur schütteln!

Auch mal ein Freund von Moe: Muffin
Auch mal ein Freund von Moe: Muffin

Sogar verletzt hat er sich deswegen, erst am Samstag. Janosch, ein Hund aus der Nachbarschaft, ist am Zaun vorbei gegangen. Normalerweise wollen beide ihre Ruhe. Nur eben am Samstag nicht. Beide sprangen am Zaun hoch, fletschten sich an. Moe schnitt sich dabei die Pfote am Briefkasten auf – und humpelt bis heute.

Und jetzt, wo ich das Ausmaß meiner Verzweiflung niedergeschrieben habe, geht es weiter wie bisher. Wir weichen aus, Moe bekommt seine Ruhe. Und ich so langsam hoffentlich auch.

Ich mag mir keine Gedanken mehr machen, mag nicht durch andere Blogartikel zum analysieren und Nachdenken gezwungen werden. Ich möchte bitte einfach in meiner Blase in Ruhe gelassen werden. Bevor ich uns doch irgendwann noch einmal Hilfe holen muss.

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