Das Gewohnheitstier

Das Gewohnheitstier

„Das haben wir doch schon immer so gemacht!“ – Manchmal steht Moe dieser Satz förmlich in Großdruckbuchstaben auf der Stirn.

Moe ist ein Pedant. Ein Beamter in Fell. Er ist durch und durch: Ein Gewohnheitstier.

Das Gewohnheitstier ist eine geschützte und von manchen sogar geschätzte Art. In Zeiten von Individualität und „jeder ist einzigartig“, schwimmt das Gewohnheitstier gegen den Strom. Auffallen möchte es dennoch nicht.

Und bitte: Alles soll so bleiben wie es ist. So ist es schön, so ist es fein.

Das Gewohnheitstier
Das vierpfotige Gewohnheitstier

Das Gewohnheitstier behält seine Leidenschaft allerdings nicht für sich. Wäre doch gelacht, wenn man andere nicht auch erzogen bekommen würde?

Das Gewohnheitstier hat viele Eigenarten. Eine ist ganz herausstechend: Es ist vergesslich.

Das Gewohnheitstier hat seine Gassirunden: Um 8 Uhr (spätestens), um 13 Uhr und um 21 Uhr.

Wenn man nun die Runde mit dem Gewohnheitstier etwas vorverlegt und gegen 20:40 Uhr wieder heimkehrt – dann fragt das Gewohnheitstier um 21:05 Uhr an, was denn nun mit seiner Gassirunde wäre. Es ist ja bereits NACH 21 Uhr und ob der Mensch wohl irgendwie beschallert wäre und dies vergessen hätte?

Ebenso beim Frühstück: Wenn es dies ausnahmsweise im Dummy kredenzt bekommt, dann fragt das Gewohnheitstier zu Hause nach, wo denn das Frühstück bliebe. Der Napf wäre ja leer? Wie – Essen gab es schon unterwegs? Frechheit!

Das Gewohnheitstier besteht auf die Nachtruhe. Nach der Abendrunde darf bitte sofort das Licht ausgemacht werden – das Gewohnheitstier braucht seinen Schönheitsschlaf.

Ebenso haben sich die Zweibeiner ohne Umwege sofort ins Bett aufzumachen. Die Zweibeiner möchten noch auf dem Balkon sitzen? Schon wird das mit Schnauben, Fiepen und einem Blick „Wie könnt ihr nur? Es ist schon spät!“ quittiert.

Das Gewohnheitstier

Das Gewohnheitstier wird sich daraufhin verziehen, seinen Kopf unter ein Kissen vergraben und seine Existenz hinterfragen.

Manchmal, in ganz seltenen Momenten, kommt das Gewohnheitstier aber doch aus sich heraus. Unbekannte Orte findet es schön. Es genießt den Zauber des Augenblicks. Kurzzeitig.

Denn: Zuhause ist es doch am Schönsten. Richtig? Und so wird das Heimkommen zelebriert. Wenn man schon gezwungenermaßen mehrere Tage am Stück nicht zu Hause war, dann wird die geliebte Couch aufgesucht. Nun ja, sie wurde aufgesucht. Als wir noch eine Couch hatten…

Das Gewohnheitstier ist eben auch bei der Wahl seiner Schlafplätze sehr eigen. Was für ein Drama sich hier abspielte, als sein geliebtes Körbchen abgegeben wurde und er sich mit einem neuen Schlafplatz arrangieren musste!

Manchmal lebt es sich nicht leicht mit einem Gewohnheitstier. Gerade, wenn man sich selbst völlig frei von allen Ritualen wähnt, frei lebt, frei denkt. Oder vielleicht doch nicht?

Nein. Auch in mir steckt ein Gewohnheitstier. Ich bin längst nicht so frei, wie ich es von mir denke.

Ich brauche morgens meinen Kaffee. Mein Wasser steht beim Tippen immer rechts von mir. Nutella esse ich immer mit Frischkäse darunter. Um 12 Uhr ist Mittagessen, um 19 Uhr ist Abendessen. Zu Wein gibt es Salzstangen.

Das haben wir schon immer so gemacht. Das bleibt bitteschön auch so.

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4 Gedanken zu „Das Gewohnheitstier“

  1. Mein Lieblingssatz in diesem Beitrag: „Zu Wein gibt es Salzstangen.“
    Denn – Obacht! Die Reihenfolge gibt dem Satz sein Gewicht! Zum Wein gibt es Salzstangen. Nicht etwa: zu Salzstangen gibt es Wein! Sofort ist klar, was da wen begleitet! 🙂




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  2. „Ein Beamter in Fell“ wie süß!

    Aber es gibt einfach Rituale, an denen darf nicht gerüttelt werden. Ganz klar. Shiva guckt immer ganz entrüstet (doch, das kann sie hervorragend), wenn ich es wage Babybel zu essen und ihr nichts abgebe. Sie gerät fast in Verzweiflung, wenn ich meinen Schlafanzug nicht mitten im Bad liegen lasse, sondern ihn wegräume. Nein! Der muss da liegen, schließlich muss sie ihn rumtragen und draufliegen, bis die anderen Zweibeiner aufstehen. Dann darf er weggeräumt werden. Zum Glück ist sie bei Frühstück und Abendessen nicht ganz so pedantisch wie Moe. Da immer eine Kleinigkeit irgendwo rumliegt, knabbert sie halt das. Wobei… wenn wir Abend essen, will sie auch. Entweder im Napf oder es wird gebettelt, bis Blut fließt… (sie kratzt meinen Papa – selbst schuld – immer).

    Flauschige Grüße ans Gewohnheitstier und dich
    Sandra & Shiva




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  3. Ich hatte es schon mehrfach erwähnt und schreibe es heute schon wieder, aber ich liebe Deine Art zu schreiben….

    Socke ist auch sehr ritualisiert. Dies gibt ihr Sicherheit, die wiederum Stress reduziert und ihrer Gesundheit gut tut.
    Ich war nie so, doch mit Socke musste ich mich so einrichten und finde immer mehr Gefallen daran. Nun weiß ich nicht, ob es auch etwas mit dem Alter zu tun hat, aber ich bin nicht mehr so spontan und flexibel, wie vor 20 Jahren einmal. Insoweit passt es gut….

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke




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  4. Nutella und Frischkäse – stelle ich mir jetzt nicht lecker vor – aber ist Geschmacksache. Bei Lady gibt es auch immer fixe Rituale – die man einhalten muss, sonst ist sie komplett verwirrt. z.B. um 21:45 steht sie vor der Tür um das letzte Mal vor dem Schlafen gehen – zu pinkeln. Keine Minute früher oder später. LG




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