Früher war alles besser – darf der Hund noch Hund sein?

Darf der Hund noch Hund sein
Darf der Hund noch Hund sein

Die Entwicklung des Hundes in der Gesellschaft ist ein interessantes Thema. Als ich den Artikel veröffentlichte, in dem es ums Barfen ging und ich so unheimlich viele Tipps von euch bekommen habe, kam eines ganz deutlich heraus: Ich soll mir nicht so viele Gedanken machen, alles wird sich von alleine ergeben.

Aber warum habe ich mir so viele Gedanken gemacht, mehr vielleicht als so manche Familie sich um die Ernährung ihrer Kinder oder sich selber Gedanken macht?

Verantwortung für den Hund

Folgendes ging mir nicht aus dem Kopf: ein Mensch rechnet sich nicht seinen täglichen Bedarf aus und er schaut auch nicht bei jeder Mahlzeit, ob er sich ausgewogen ernährt. Richtig. Aber: ein Hund ist davon abhängig, was WIR ihm zu Verfügung stellen. Ob gut oder schlecht, wir bestimmen, was im Napf landet. Nur so kann das billigste Trockenfutter mit der grottigsten Zusammensetzung überhaupt an den Hund gebracht werden- wir suchen es aus. In der Natur würde der Hund das gar nicht Fressen.

Das war der eine Gedanke. Der andere war: Ich möchte Moe so lange wie irgend möglich bei mir haben. Und zwar so gesund wie möglich. Es gibt Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann – aber die, die ich beeinflussen kann, möchte ich auch so positiv wie möglich gestalten.

Wenn ich mit anderen (Ex-) Hundebesitzern aus meiner Familie spreche, ist der Tenor überwiegend gleich: Bei meinem Vater würde der Hund, sollte jemals einer einziehen, die Reste vom Menschenessen bekommen und dazu wahrscheinlich irgendwie sowas wie Pedigree- ist ja relativ günstig.

So wurden die Hunde damals ernährt und hatten selten Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Allergien oder sonstige Dinge. Auch der West-Highland Terrier von meinem Freund, Jerry, ist im hohen Alter gestorben. Dieser Hund hat auch oft Reste bekommen, man hat sich einfach keine Gedanken gemacht, ob das gut oder schlecht für den Hund ist.

Wir sind überinformiert, was den Hund angeht. Jedes Nahrungsmittel kann in die einzelnen Bestandteile zerlegt werden, um zu sehen, welche Nährstoffe der Hund so aufnimmt- und was er braucht. Gemüse und Obst soll püriert, mit Olivenöl verfeinert werden. Das landet nicht einfach so im Napf. Dazu gibt es diverse Nahrungsergänzungmittel und Bedarfstabellen. Und bei der Ernährung hört es nicht auf.

Mein Hund ist der (hier beliebiges Superlativ einsetzen)

Ein Arbeitskollege legte mir neulich einen Artikel aus der „Zeit*“ vor: es ging im Wesentlichen darum, dass einige Hundebesitzer ihren Hund nicht mehr Hund sein lassen. Er soll Agility-Kurse besuchen, Mantrailing machen und mindestens noch eine andere Spezialausbildung haben. Natürlich ist dieser Hund von Welpenalter an in der Hundeschule, erarbeitet Pokale und macht seinen Menschen stolz. Ganz klar: ich finde es klasse, wenn die Hunde all diese Dinge lernen! Es stärkt die Hund-Mensch-Bindung und solange es beiden Spaß macht, finde ich das richtig klasse. Leider gibt es aber Fälle, wo der Ehrgeiz der Besitzer so übermächtig ist, dass sie zwanghaft versuchen, immer die Besten zu sein- auf Kosten der Hunde. Was wurde damals eigentlich dafür getan, um die Hunde auszulasten? Nicht so viel. Die täglichen Spaziergänge mussten reichen, eventuell wurde mal ein Ball geworfen. Der Hund sollte Haus und Hof beschützen, das war seine Aufgabe. War er damit ausgelastet? Sicher auch mal mehr oder weniger.

Operation um jeden Preis

Die Menschen, die ihr Tier sportlich ausbeuten, müssen auch mal zum Tierarzt. Kaputte Knie, kaputte Hüfte – heutzutage kein Problem mehr. (Fast) egal wie alt das Tier ist, wenn es operiert werden kann, wird es operiert. Versteht mich bitte nicht falsch: solange man einem Tier helfen kann, sollte ihm auch geholfen werden! Allerdings nicht um jeden Preis. Das heißt für mich, ebenso wie beim Menschen: die Lebenszeit nicht unnötig verlängern und ein altersschwaches Tier nicht den Risiken und Strapazen einer OP aussetzen, sondern den Lebensabend so schön wie irgend möglich gestalten. Zum Glück gibt es genug Tierärzte, die ebenso denken und nicht das schnelle Geld mit solchen Operationen verdienen wollen. Aber es gibt auch genügend Tierärzte, die es machen.

Und damals? Da wurde erst zum Tierarzt gegangen, wenn es nicht mehr anders ging. Teure Operationen? Ich würde behaupten, die waren sehr selten. Mein Vater zum Beispiel musste schmunzeln, als ich ihm erzählte, dass Moe laut Tierarzt wegen seiner HD vielleicht mal eine künstliche Hüfte brauchen würde. Seine Reaktion: „Lass das Tier dann lieber einschläfern!“ Von seinem Standpunkt aus logisch, erscheint es mir zu hart. Natürlich, wenn Moe 25 Jahre alt ist, werde ich ihm auch nur etwas gegen die Schmerzen geben, bis es eben nicht mehr geht. Dann werde ich ihm keine Operation zumuten. Sollte es aber in der nächsten Zeit (und ich hoffe, dass dem nicht so ist!!!) nötig sein, würde ich nicht zögern.

Der Hund als Kinder- oder Partnerersatz

Das ist sicher kein neues Phänomen, aber es hat stark zu genommen. In Zeiten sozialer Verwahrlosung suchen wir unser Glück in den Tieren, stecken all‘ unsere Liebe, Zeit und Geld in dieses Tier, um uns selber glücklich zu machen. Dabei überfordern wir unsere Hunde. Denn obwohl diese uns, und da bin ich ganz sicher, die gleiche Wertschätzung entgegen bringen, sind es immer noch Tiere, die artgerecht gehalten werden wollen und müssen.

War früher denn alles besser?

Nein, sicher nicht. Aber anders. Ich bin froh, dass sich Medizin und Ernährung weiter entwickelt haben, dass man sich mittlerweile überall Informationen holen kann. Ich bin froh darüber, Moe geistig fordern zu können und das entsprechende Wissen zu haben. Aber an gewisse Werte von damals sollten wir uns zurück erinnern: der Hund ist und bleibt ein Hund. Dieses Bedürfnis hat sich nie geändert.

*Den Artikel aus der „Zeit“ könnt ihr hier nachlesen.

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9 Gedanken zu „Früher war alles besser – darf der Hund noch Hund sein?“

  1. Ein sehr informativer Post. Ich sehe es ganz genauso – wir sind alle überversorgt, vor allem mit Literatur 😉 Ändert man den Post ein wenig ab, könntest du ihn auch problemlos in einem Elternforum posten 😉 Manchmal sollte man nicht so viel lesen, sondern einfach mal nachdenken und auf sein Bauchgefühl hören!

    Liebste Grüße




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  2. Liebe Nicole,
    Ein sehr schöner, nachdenklicher Beitrag!
    Und der Gedanke mit dem Elternforum ist gar nicht so verkehrt 😉 Ich komme ja aus der Erziehungswissenschaft und da musste ich bei deinem Beitrag gleich einen Gedankenbogen schlagen *hihi*…. Der gleiche Trend ist nämlich bei den „neuen Eltern“ zu beobachten, welche die Ernährung ihrer Kinder penibel kontrollieren und nachrechnen -da ist nix mit ner gemischten Tüte ganz spontan an der Bude um die Ecke.
    Da Hunde für uns Menschen einen immer wichtigeren Stellenwert als Familienmitglied einnehmen und wir uns für sie (richtigerweise) verantwortlich fühlen, ist es nicht verwunderlich, dass solche Parallelentwicklungen stattfinden.
    Ich denke, man sollte es nicht übertreiben, aber es ist nicht verkehrt sich mit Ernährungsfragen wie „was füttere ich?“, „was braucht mein Hund?“ usw auseinanderzusetzen.

    Lieben Gruß!
    Das Buddy Frauchen




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  3. Huhu 🙂
    Ich sag ja immer, erstmal ne Runde chilln!!!
    Ja es wird viel zu viel wirbel um alles gemacht. Mir gehts prima obwohl ich eher nachm Bauchgefühl gefüttert werde. Und auch sonst wird alles nur gemacht, wenn es spaß macht! Toller Artikel! jetzt müssen sich nur noch alle dran orientieren 😉

    Schlabbergrüße Bonjo




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  4. Toller Artikel, der mir aus der Seele spricht. Nur all zu schnell kann es passieren, dass man in dem ganzen Wirrwarr den Überblick verliert. Ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl.
    Auch bei der Kindererziehung, wie die Frauchen von Lilly und von Buddy so schön angeschnitten haben. Da geht bei dem Thema auch zur Zeit die Post ab.

    Bei uns darf Charly noch Hund sein!

    Liebe Grüße
    Sonja und Charly




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  5. Ja und nein zugleich. Natürlich gibt es viel zu viel Literatur, Ratgeber, Sendungen zum Thema Hund und Haustier im Allgemeinen. Trotzdem sehe ich immer wieder Menschen, die mit ihrem Tier nicht zurecht kommen und völlig unbedarft sind. Menschen, die ein gutes Gespür für Tiere haben, sollten die Informationsflug ignorieren und sich auf ihren Instinkt verlassen, wenn es um die Erziehung des Hundes geht.




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  6. Ein toller Artikel. Ich finde es eigentlich sehr gut, dass es viele Informationen zu den verschiedensten Hundethemen gibt. Ich wünschte mir nur, dass der Umgang mit seinem Hund von anderen akzeptiert wird. Macht einer alles und viel mehr, dann ist dies zu respektieren, genauso, wie der umgekehrte Fall. Es gibt nämlich nicht das Richtige oder Falsche, sondern das Richtige, Passende, Praktikable, Finanzierbare, Vertretbare, Mögliche FÜR MICH.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke




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    • Da hast du völlig Recht, liebe Sabine. Leider wird man als Hundehalter aber oft verwirrt mit den vielen Optionen, die man hat, in allen Bereichen. Und wenn dann noch die Besserwisser kommen, die dir erzählen was du zu tun hast… Wir sollten alle mehr auf uns selber und weniger auf andere schauen. So lange es den Hunden WIRKLICH gut geht, ist es doch egal, wie er zum Beispiel beschäftigt wird.

      Liebe Grüße!




      0
  7. Hi Nicole,
    genau diese Gedanken mache ich mir momentan auch vermehrt. Ich will rausfinden was Pebbles glücklich macht und wie wir möglichst entspannt zusammen leben.

    Das mit der „Überinformiertheit“ glaube ich ist ein großer Faktor. Viele machen sich und ihrem Hund dadurch Stress. Allerdings ist es natürlich auch schlecht zu wenig informiert zu sein 😉

    Viele Grüße
    Mieke & pebbles




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